Suchata ist so richtig verspielt

- ('Victor Schluff' in 'Kunterbuntes Pattaya')

Suchata ist in einem Slum großgeworden. In ihrer Kindheit hatte sie nicht viel Gelegenheit zum Spielen und sie hatte auch kein Glück. Doch als sie größer wurde, suchte sie Spiel und Glück und die beliebten Farang.

An ihre frühe Kindheit kann Suchata sich nur noch schwach erinnern. Der Vater hat oft davon erzählt, daß sie Felder gehabt und Reis angebaut hatten. Es soll ein schönes Leben gewesen sein. Bis es nicht mehr genug Erträge einbrachte, um davon leben zu können. Dann hatten sich die Eltern entschlossen, mit ihren drei Kindern in die Stadt zu ziehen, um Arbeit zu suchen. Damals war Suchata zwei Jahre alt. Aber es gab keine Arbeit. Der Vater suchte lange und er suchte überall, aber man brauchte gerade keine Reisbauern in der Stadt. Und auf dem Bau brauchte man Fachkräfte; die Stellen für Hilfsarbeiter waren überlaufen. Keine Arbeit ernährt genausowenig, wie keine Ernte. Aber nun waren sie in der Stadt. Hier hatten sie nicht einmal eine Wohnung. Doch es hatte keinen Sinn, in ihr Haus zurückzugehen. Man wohnt auch in einem eigenen Haus nicht gut, wenn man nichts zu essen hat. Der Vater mußte einen Ausweg suchen.

Nach einer Woche, die sie auf der Straße lebten und schliefen, suchte der Vater einen früheren Schulfreund, der nun hier in einem Slum wohnte. Er fand ihn nach langem Suchen und sie hatten ein sehr langes Gespräch. Dann zogen sie bei dem Schulfreund ein. Für eine Übergangszeit. Der Schulfreund bewohnte eine Hütte, deren gesamtes Mobiliar aus einem Gaskocher bestand. Die Wände hingen an einem wackeligen Gerüst, sie bestanden aus Sperrholzplatten und einem großen Reklameschild aus Blech. Das Dach war aus Wellblech, das tagsüber die Sonnenstrahlen auffing und das Innere der Hütte auf Backofentemperatur brachte. Aber wenn es regnete, wurde es kühler und man hatte einen Platz im Trockenen und nachts konnte man sich auf die Rattanmatten legen und schlafen, wenn man sich nicht an den Ratten und den Kakerlaken störte, die überall herumliefen.

Nach dem Gespräch mit dem alten Schulfreund mietete der Vater einen Kastenwagen mit zwei Rädern. Damit zog er dann durch die Straßen, suchte Altpapier, Flaschen, Aluminiumdosen und alles, was sich auf den Schrottplätzen verkaufen ließ. Für den Wagen mit den etwas eierigen Rädern mußte der Vater am Tag zehn Baht bezahlen. Aber er war den ganzen Tag unterwegs und wurde bald von den älteren Geschwistern begleitet. Sie zogen nach kurzer Zeit um, in eine andere leergewordene Hütte, die sie mieten konnten. Der Vater verdiente mit seiner Arbeit Geld und es reichte zum Leben, wenn auch nur zu einem sehr ärmlichen Leben.
Bald blieb Suchata bei einer Nachbarfamilie und die Mutter ging mit dem Vater mit.

Das war, nachdem einige Leute von irgendeiner Organisation gekommen waren und mit den Eltern gesprochen hatten, daß es doch besser sei, wenn die Kinder in die Schule gingen. Sie sorgten dafür, daß der Vater wegen der Schule keine Ausgaben hatte und sie brachten auch die Schulkleidung. Der Vater mußte beim Müllsammeln nur auf die Hilfe seiner Kinder verzichten. Die Eltern waren sehr froh, daß ihre Kinder in eine Schule gehen konnten. Weil dem Vater nun aber die Hilfskräfte fehlten, ging die Mutter mit ihm mit, während die Kinder in die Schule gingen. Als die Kinder dem Vater sagten, sie wollten nach der Schule mit ihm mitgehen und weiter helfen, lehnte der Vater das ab. Er sagte, er schämt sich zu sehr, und sie sollten zur Schule gehen und gut lernen. Er wollte nicht, daß sie von ihren Schulkameraden beim Müllsammeln gesehen werden. Aber sie sollten gut lernen, damit sie später ein besseres Leben haben.

Die Eltern arbeiteten sehr hart und nach drei Jahren konnten sie einen alten Wagen kaufen, mit dem die Mutter auf den Straßen Pla Mük und Sai Krok verkaufte, getrockneten Tintenfisch und kleine Bratwürste, die mit einer Art Hackfleisch und Reis gefüllt sind. Sie zogen auch bald in ein kleines Holzhaus, das auf dem Gelände des Slums stand. Hier hatten sie auch einen Tisch, an dem die Kinder ihre Schularbeiten machen konnten. Die Mutter mußte schon gegen fünf Uhr morgens das Haus verlassen, um einzukaufen und dann rechtzeitig an der Busstation und später vor den Fabriken zu sein, wo die Leute sich auf dem Weg zur Arbeit für fünf oder zehn Baht ihre Sai Krok holten. Sie war den ganzen Tag unterwegs, denn spät abends konnte sie noch an den Geschäftsstraßen und vor den Bars etwas verkaufen, bis sie dann gegen Mitternacht wieder nachhause kam.

Die Eltern arbeiteten lange, aber eines Tages hatten sie genug verdient, daß nun auch der Vater einen Wagen mit einem Grill kaufte, auf dem er Fleischspießchen, Hühnerherzen, Hühnerleber und ähnliche Sachen zubereiten und verkaufen konnte. Von nun an gingen der Vater und die Mutter mit ihren Wagen zusammen durch die Straßen und der Verkauf lief ganz gut, aber die Eltern hatten keine Zeit, zuhause zu sein, weil sie dann nicht genug verkaufen konnten und die Kinder bekamen sie kaum zu sehen. Nur an den Wochenenden und an schulfreien Tagen gingen sie Kinder mit den Eltern und ihren Verkaufswagen mit.

So verliefen die ersten Schuljahre von Suchata in Armut, doch ohne Hunger - und ohne Eltern. Sie fand zusammen mit ihren Geschwistern genug laufende Fersehegeräte und einige Freunde im Slum, was sicher nicht gut war, aber unvermeidlich. Es nützt nicht viel, wenn die Eltern ihren Kindern sagen, sie sollen zuhause bleiben und lernen, wenn die Kinder von fünf Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts alleine sind. Es hilft auch nicht viel, wenn die Eltern den Kindern erklären, daß sie unterwegs sein müssen, um den Lebensunterhalt für die Kinder zu verdienen.

So blieb es nicht aus, daß die Kinder bei ihren Freunden und deren Familien mit Drogen und Glücksspielen konfrontiert wurden. Als Suchata aus der Schule kam, war sie schon eine geschickte Kartenspielerin, allerdings hatte sie bisher meist nur zum Vergnügen gespielt, mit anderen Kindern oder auch dann, wenn nicht genug Erwachsene zum Spiel zusammenkamen. Aber sie hatte auch schon öfter zugesehen, wenn die Leute um Geld spielten. Da sie keins hatte, konnte sie natürlich nicht mitspielen. Das änderte sich, als ihr ältester Bruder einen gewissen Wohlstand entwickelte. Er gab ihr auch einmal Geld und Suchata spielte.

Es war sicher nicht gut, daß sie dabei auch noch gewann, denn von nun an war sie der Überzeugung, daß man beim Kartenspielen viel Geld verdienen kann, hatte sie doch aus den zweitausend Baht, die ihr der Bruder gegeben hatte, in wenigen Tagen über achttausend Baht gemacht. Sie gab dem Bruder sofort die zweitausend Baht zurück, denn sie würde ihn wahrscheinlich noch öfter um Geld bitten müssen, falls das Glück ihr einmal nicht so gut gesinnt war. Es störte sie auch nicht, daß sie nur zwei Tage brauchte, um alles Gewonnene wieder zu verlieren, denn schließlich hatte sie gesehen, daß sie gewinnen kann, sie mußte eben nur auf eine richtige Glückssträhne warten. Leider war ihr dazu das Geld ausgegangen, aber der Bruder gab ihr hin und wieder einige hundert Baht, mit denen sie dann erneut mit sehr wechselhaftem Glück versuchte, viel Geld zu machen.

Es war ein schlimmer Tag, als die Polizei eines Tages ins Haus kam und eine Hausdurchsuchung durchführte. Es wurde nichts gefunden, aber man hatte ihren ältesten Bruder beim Drogenhandel erwischt. Er hatte mit einem verkappten Polizisten einen Handel mit einer größeren Menge der thailändischen Metamphetamine ‘Ya ba’ abgesprochen und wurde bei der Lieferung verhaftet. Nun würde ihr Bruder lange Zeit im Gefängnis sitzen. Das war schlimm. Besonders schlimm deshalb, weil sie gerade wieder Schulden gemacht hatte, die sie dringend zurückzahlen mußte. Sie hatte sich darauf verlassen, daß ihr Bruder wieder einmal aushelfen könnte, aber das war nun unmöglich.

Ihr zweiter Bruder hatte eine Arbeitsstelle bei einer Autowerkstatt bekommen und hatte kein Geld, das er ihr leihen konnte. Die Schulden wurden immer größer und immer drückender. Suchata versuchte, sich Geld zu leihen und durch Spielen genug zu verdienen, ihre Schulden zu bezahlen, aber sie verlor immer wieder. Schließlich blieb ihr auf den Druck ihrer Gläubiger nichts weiter übrig, als ihre Schulden mit ihrem Körper ,abzuarbeiten‘. Das waren ihre ersten Männerbe-kanntschaften, die sie als schlimm und gar nicht als Liebe empfand.

Die Eltern waren von der Inhaftierung ihres ältesten Sohnes sehr getroffen. Jahrelang hatten sie hart gearbeitet, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen und nun war eines der Kinder als Drogenhändler im Gefängnis. Der zweite Sohn war schon von zuhause weggegangen, weil die Autowerkstätte, in der er arbeitete, sehr lange Arbeitszeiten hatte und weit entfernt war. Es lohnte sich nicht, jeden Abend nachhause zu fahren und er schlief dort in der Werkstatt. Nun war nur noch Suchata zuhause, die trotz ihrer und der Eltern Bemühungen bisher noch keine Arbeit hatte finden können. Ihre Arbeitssuche war der Grund dafür, daß sie nicht mit den Eltern mitgehen sollte. Sie sagten, zwei Personen verdienen am Essensstand auch nicht mehr, als eine.

Die Eltern meinten nun, der älteste Sohn wäre vielleicht nicht in den Drogenhandel geraten, wenn sie nur zuhause gewesen wären und kamen zum Schluß, es wäre jetzt besser, am Abend zuhause zu sein, um darauf zu achten, daß nicht auch Suchata noch irgendwelche Dummheiten macht. Das war insofern gut, weil Suchata wegen ihrer permanenten Spielschulden nicht nur zu Liebesdiensten gezwungen worden war, sondern weil man ihr auch schon erklärt hatte, daß sie mit Drogenhandel gutes Geld verdienen kann, das sie für ihre Glücksspiele braucht. Suchata verstand das erst nicht, weil sie doch nur Karten spielte, um Geld zu verdienen und nicht arbeiten zu müssen. Sie hatte nie daran gedacht, daß sie arbeiten gehen sollte, um Karten spielen zu können, was ihr völlig absurd vorkam.

Nachdem die Eltern nun meistens zuhause waren, gab es für Suchata kaum noch Gelegenheiten, zu ihren Glücksspielen zu gehen, aber sie hatte auch kein Geld. Als die Eltern dann anläßlich einiger Festtage doch wieder eine Möglichkeit sahen, gutes Geld zu verdienen, indem sie zum Fest mit ihren Wagen auch abends unterwegs waren, sah auch Suchata wieder eine Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen, indem sie zu ihrem Spielerclub ging. Man lieh ihr auch prompt Geld, das sie ebenso prompt verlor. Ihre Liebesdienste reichten aber nicht zum Bezahlen, so verlangte man von ihr, daß sie Drogen verkauft. An den ersten Abenden hatte sie auch einige bescheidene Erfolge, doch dann waren die Feiertage vorüber und die Eltern blieben wieder zuhause. Suchata hatte nun keine Möglichkeiten mehr, abends das Haus zu verlassen, um weiterhin Drogen zu verkaufen.

Glücksspiel, Prostitution und Drogenhandel waren in dem Slum eigentlich an der Tagesordnung und bei vielen Slumbewohnern als ein Mittel zum Unterhaltserwerb üblich. Nur eben nicht bei Suchatas Eltern. Deswegen waren diese äußerst bestürzt, als eines Tages ein Mann erschien, um von Suchata die Spielschulden einzukassieren, die restlichen Drogen abzuholen und sie auch gleich für ihre Liebesdienste mitzunehmen. Es gibt in den Slums viele Familien, die ihre Kinder losschicken, um auf diese Weise den Unterhalt zu finanzieren und Suchatas Gläubiger war der Überzeugung, daß auch Suchata von ihren Eltern losgeschickt worden war, um auf diese Art Geld zu verdienen, deshalb redete er sehr offen. Der Mann erhielt von Suchata das Geld, das sie eingenommen hatte, der Vater geriet außer sich vor Wut, er zerstörte die restlichen Pillen, die Suchata noch hatte und nachdem er den Mann ‘rausgeworfen hatte, erhielt Suchata eine fürchterliche Tracht Prügel von ihrem Vater, die gar nicht enden wollte.

Nun hatte sie Spielschulden, mußte die vom Vater zerstörten Drogen bezahlen und durfte das Haus nicht verlassen. Es war sehr gefährlich, Spielschulden oder Drogenschulden zu haben, aber sie war nicht in der Lage, jetzt irgendetwas zu unternehmen. Sie wollte zunächst abwarten, bis ihre geplatzten Lippen und die geschwollenen Augen sich wieder normalisiert hatten, abwarten, bis sich irgendeine Gelegenheit ergab, etwas zu unternehmen und sie wußte, daß sie sich damit nicht lange Zeit lassen durfte. Aber der Vater konnte sich nicht beruhigen. Er ging nicht arbeiten und verprügelte sie auch an den nächsten Tagen, wenn er ihrer habhaft werden konnte oder sie in erreichbare Nähe kam. Das Gesicht wurde nicht besser, sondern nur jeden Tag etwas schlimmer.

Nachdem sie vier Tage gewartet hatte und am vierten Tag am Abend noch einmal eine besonders schlimme Tracht Prügel erhalten hatte, wartete sie nur noch, bis die Eltern schlafen gegangen waren. Da die Haustür verschlossen war, kletterte sie aus dem Fenster und ging zu dem heimlichen Spielerclub, der im Slum bis weit nach Mitternacht Betrieb hatte. Ihr Schicksal hatte sich inzwischen herumgesprochen und ihr Aussehen bestätigte die schlimmsten Annahmen. Man äußerte vollkommenes Unverständnis den Eltern gegenüber, denn schließlich gilt für Menschen im Slum nur das Gesetz, zu überleben, was bedeutet, Geld zu machen, egal, wie. Und Suchata hatte nichts weiter getan, als Geld gemacht. Man zeigte ihr gegenüber Verständnis und ließ sie in Ruhe, wies aber darauf hin, daß man nicht lange warten würde, bis sie ihre Schulden bezahlt.

Suchata hatte vom Verkauf der Drogen noch eintausend Baht abgezweigt. Die nahm sie jetzt, um noch einmal ihr Glück zu versuchen. Und ausgerechnet in dieser Nacht hatte sie Glück. Sie machte über siebentausend Baht, mußte aber gleich zweitausend davon für alte Schulden zurückzahlen. Hätte der Vater die Drogen nicht vernichtet, so hätte dieses Geld für ihre Schulden ausgereicht, aber so hatte sie noch weitere sechstausend Baht Schulden, die sie unmöglich bezahlen konnte, solange die Eltern zuhause waren.

Suchata wußte, daß sie sich zuhause nicht mehr sehen lassen konnte und sie wußte, daß sie auch nicht im Slum bleiben kann, solange ihre Eltern dort wohnten und sie Drogenschulden hatte. Die Eltern, die Polizei und die Drogenhändler würden sie suchen. Es war sicher auch besser, Bangkok vorläufig zu verlassen, denn alle Leute im Slum kannten sie, die Leute kamen durch ganz Bangkok und irgendeiner würde sie in nicht allzulanger Zeit sicher treffen oder finden. Am sichersten war es wohl, in eine andere Stadt zu gehen, um dort Geld zu verdienen.

Suchata fuhr nach Pattaya. Ihre Spiel- und Drogenschulden im Slum waren nur noch gering. Sie wußte, daß man sie deswegen nicht extra suchen oder nach Pattaya fahren würde, selbst, wenn man erfahren sollte, wo sie ist. Aber mit ihrem demolierten Gesicht konnte sie auch nicht an einer Bar nach Arbeit fragen, so suchte sie erst einmal ein billiges Zimmer, in dem sie abwarten konnte, bis ihr Gesicht verheilt war. Inzwischen hatte sie Zeit, sich Pattaya anzusehen, um eine geeignete Bar zu suchen, an der sie später arbeiten wollte und sie hatte auch Zeit genug, sich geeignete Kleidung zu suchen. Als ihr Gesicht nach einigen Tagen etwas besser aussah, fand sie mühelos eine Bar, die sie aufnahm. Sie fand, sie war hier gut aufgehoben, denn sie hatte zuvor schon beobachtet, daß die Mädchen hier viel Zeit mit Würfelspielen verbringen. So hatte sie also gute Gesellschaft und wurde auch bald in den Kreis der Mädchen mit aufgenommen.

Am zweiten Tag wurde sie den Gästen auch gleich als ,die Neue‘ angeboten und von einem Ausländer, der offensichtlich wegen ihres immer noch leicht melierten Gesichts Mitleid hatte, ausgelöst. Dann kam allerdings einige Zeit der Ruhe, wenn man einmal davon absieht, daß Suchata bei emsigem Würfelspiel in der Bar etwas Geld gewann und bei aufregendem Kartenspiel nach Barschluß ihre gesamte Geldreserve verspielte. Sie war nun darauf angewiesen, sich intensiv um jeden einzelnen Farang zu bemühen, der an die Bar kam, weil sie dringend Geld brauchte. Etwas hinderlich war dabei, daß sie kein Wort Englisch verstand. Da Glücksspiele aber viel interessanter sind, als Englischbücher, meinte sie, es würde schon reichen, wenn ihre Kollegen ihr die wichtigsten englischen Worte beibrachten, die sie zum Geldverdienen bei den Farang brauchte. Den Rest würde sie dann mit den Farang lernen und tatsächlich machte sie auch einige Fortschritte.

Suchata kam allerdings nicht auf den Gedanken, daß sie längere Zeit nur Kunden für eine Nacht hatte, weil niemand rechtes Interesse daran hatte, längere Zeit mit einer Frau zu verbringen, die kein Wort versteht. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis sie von einem Kunden gleich für sieben Tage ausgelöst wurde. Der Mann hatte vor, insgesamt drei Wochen zu bleiben, aber Suchata blieb bei ihm nur fünf Tage.
Nachdem sie in den ersten Tagen gutes Geld verdient hatte, befand sie, daß es bereits ausreichen könnte, um ihr Glück zu machen. So sagte sie ihrem Kunden an einem späten Nachmittag, daß sie nachhause muß, um sich umzuziehen, was sie auch tat. Dann ging sie allerdings ,nur für eine Stunde‘ direkt zu ihrem Spielclub in einem gemieteten Apartment, den sie zunächst mit ihren Einnahmen versorgte, bis sie gegen drei Uhr morgens nur noch ein kleines Häufchen Geld vor sich liegen hatte. Zu allem Unglück flog dann die Tür auf und der Raum war voller Polizisten, die alles, was auf dem Tisch lag, als Beweismaterial mitnahmen sowie als auch alle anwesenden Spieler zur Auffüllung des ‘Ban Ling’, dem ‘Affenhaus’ in der Polizeistation, wo sie über Nacht blieben und Strafe zahlen mußten.

Unglücklicherweise hatte sie kein Geld mehr, um die Strafe zu zahlen und ihre Freundinnen hatten dafür auch nicht mehr genug. So mußte sie bis zum nächsten Abend warten, bis ihre Chefin erschien, sie von der Polizei auslöste und in die Bar mitnahm. An verbotenen Glücksspielen teilzunehmen, ist in Thailand ein Kavaliersdelikt, wie etwa Steuerhinterziehung, das war also nicht weiter schlimm. Allerdings war die Chefin sehr ungehalten darüber, daß Suchata ihren Kunden hatte sitzen lassen, denn das bedeutete, daß der verärgert war und nicht mehr zur Bar kommen wollte. Damit hatte sie einen guten Kunden und die tägliche Auslösesumme verloren. Suchata erhielt eine Verwarnung. Sie hatte jetzt wieder kein Geld und Schulden bei der Chefin, so mußte sie sich wieder intensiv um Kunden bemühen und bekam immerhin bis zum Monatsende das Geld für die Miete zusammen. Ihr restlicher Monatslohn brachte ihr auch nicht das große Glück, sie spendete ihn dem Kartenclub.

Es dauerte nun drei Wochen, bis sie wieder einen Ausländer fand, der sie auf längere Zeit mitnahm. Nachdem die Chefin sie bei der letzten Gelegenheit mit einem Dauerkunden verwarnt hatte und sie auch einsah, daß es nicht gut ist, so einen schönen Dauerkunden einfach sitzen zu lassen, blieb sie fast drei Wochen bei ihm, bis er abreiste. Sie sagte sich, daß es besser ist, wenn sie mehr Geld zum Einsatz hat, um ihr Glück zu machen. Tatsächlich gewann sie auch einiges Geld, als sie am Tag seiner Abreise nachts in den Kartenclub ging. Aber schon am nächsten Tag wendete sich das Blatt und sie verlor alles, was sie bei sich hatte.

Ihr wirklich großes Glück erschien etwa vierzig Kunden und über drei Monate später, als sie von einem Farang ausgelöst wurde, der früher schon einigemale in Pattaya gewesen war und sich nun mit viel Geld hier niederlassen wollte. Hier sah Suchata ihre besten Chancen und sie gab sich alle Mühe, für diesen Farang alles ihr Mögliche zu tun, denn dies schien eine gute Geldquelle zu sein. Sie bekam gutes Geld und sagte ihrem Herbert nur hin und wieder einmal, daß sie zu ihren Eltern fahren muß, aber am nächsten Tag wieder zurückkommt. So fiel es nicht auf, wenn sie spielen ging. Wenn sie verloren hatte, sagte sie ihm, daß sie ihr Geld ihren Eltern gegeben hat. Dann gab Herbert ihr aus Mitleid auch noch ein paar kleine Scheine und merkte nicht, daß sie spielen ging. Als sie einmal zum Kartenspielen gegangen war, hatte Herbert ihr das strikt verboten und war sehr ärgerlich gewesen, obwohl sie doch gar nicht verloren hatte. Aber es war schon so, daß man die Farang nie verstehen konnte und daß sie ihm besser nicht sagte, wenn sie wieder einmal spielen ging.

Herbert hatte sich unterdessen nach guten Geschäftsmöglichkeiten umgesehen und hatte herausgefunden, daß in Pattaya viele Ausländer leben, die gerade eben kein Geld haben, während sie auf Geld aus dem Ausland oder andere Einkünfte warteten. So beschloß Herbert, Geld zu verleihen und es war gar nicht schwer, Kunden zu finden. Es war allgemein bekannt, daß Geldverleiher in Thailand um die zehn Prozent pro Monat einnehmen und das versprach eine gute Rendite, wenn man dabei darauf achtete, daß irgendwelche Sicherheiten vorhanden waren.

Das Geschäft lief auch über längere Zeit ganz gut. Herbert suchte jene Leute, die Geld brauchten, was nicht schwierig war, dann machte er die Verträge und da die meisten Rückzahlungen in Raten vorgenommen wurden, schickte er Suchata zum Einkassieren. Daß einige Leute nicht zahlen konnten und erklärten, daß man noch zwei oder drei Tage warten muß, war normal. So fiel es denn auch nicht auf, wenn Suchata eine größere Summe kassierte und erst einmal zu ihrem Spielclub ging, manchmal gewann sie etwas und konnte Herbert das einkassierte Geld gleich anschließend nach dem Spiel geben. Wenn sie verlor und ihr eigenes Geld nicht ausreichte, dann sagte sie Herbert, der Kunde hätte gesagt, sie sollte in drei Tagen wiederkommen. Dann hatte sie drei Tage Zeit, um das Geld beim Spielen wieder zu verdienen.

Wenn das nicht gelang, dann mußte sie das Geld vom nächsten Kunden nehmen, um es Herbert auf den Namen des vorigen Kunden zu geben und hatte wieder einige Tage Zeit, um nun das Geld vom nächsten Kunden zu verdienen. Dabei mußte man geschickt vorgehen, um zu wissen, welche Kunden in welchem Abstand ihre Rückzahlungen vorzunehmen hatten, damit man die Rückzahlungen so verschieben konnte, daß man die Zahlung des nächsten Kunden rechtzeitig erhielt, um das zurückgezahlte Geld der Kunden mit einer möglichst geringen Verspätung abzugeben, damit der Zwischenhandel nicht auffiel.

Herbert sah, daß das Geschäft gut lief und kaufte sich nun ein Haus, das eigentlich für zwei Personen viel zu groß war. Aber das Haus wurde von einer Thailänderin angeboten, deren ausländischer Mann in seiner Heimat hinter Gittern saß und so schnell nicht wiederkommen würde. Die Frau wollte dringend zurück in ihr Dorf zu ihren Eltern und ihren Kindern. Sie war inzwischen auch schon etwas älter und hatte nicht viele Chancen, noch weiter in einer Bar zu arbeiten. Sie sah aber, daß sie in Pattaya sehr viel Geld ausgibt und wollte daher das Haus so schnell wie möglich verkaufen. Mit dem Erlös könnte sie sicherlich viele Jahre problemlos in der Provinz leben. Herbert bezahlte in bar und hatte deshalb einen äußerst günstigen Preis, auch weil das Haus in einer guten Laufgegend lag und der Grundstückspreis wesentlich höher war, als er in dem letzten Kaufdokument angegeben worden war. Nun waren sie mit Einkäufen und Besorgungen beschäftigt. Das Haus mußte eingerichtet werden, wobei Suchata auch einiges Geld an Kommissionen in die Tasche stecken konnte, während das Geschäft des Geldverleihens weiterging.

Obwohl Herbert schon über 60 Jahre alt war, war er noch äußerst rüstig, er war beliebt und galt als unterhaltsam, während die knapp zwanzigjährige Suchata sehr hübsch, sehr freundlich und sehr agil war. Man beglückwünschte Herbert zu einer derart fleißigen und freundlichen Frau und man hielt die Beiden trotz des hohen Altersunterschiedes für ein glückliches Paar, zumal Herbert auch ein Gemütsmensch und für seine freundliche, ruhige Art bekannt war und man die Beiden nie streiten sah. Dazu kam, daß das Spielerglück ja auch sehr wechselhaft ist und Suchata zwischendurch einige Gewinne verbuchen konnte, was dazu führte, daß Herbert nun auch die Rückzahlungen seiner Kunden wieder pünktlich erhielt, so daß das Leben völlig problemlos verlief.

Als Herbert eines Tages zur Botschaft fuhr, weil er einen neuen Paß beantragen mußte, fuhr Suchata mit nach Bangkok. Während Herbert auf der Botschaft war, fuhr Suchata in den Slum und bezahlte ihre alten Spiel- und Drogenschulden. Dort hatte man verstanden, daß Suchata wegen der Probleme, die sie mit ihrem Vater hatte, verschwunden war und man akzeptierte nun die Rückzahlung, ohne irgendwelche Zinsen zu verlangen. Da es Suchata zu diesem Zeitpunkt finanziell sehr gut ging, lehnte sie es auch ab, Drogen zum Verkauf mitzunehmen, weil die Sache ihr zu heiß war. Sie dachte dabei an ihren Bruder, der wegen Drogenhandel noch lange Jahre hinter Gittern sitzen würde. Im Slum erhielt sie aber auch die Nachricht, daß ihre Mutter inzwischen krank geworden und verstorben war. Ihr Vater lebte jetzt allein, aber sie hatte keine Lust, ihren Vater zu sehen und so traf sie sich rechtzeitig wieder mit Herbert in einem Restaurant in der Nähe der Botschaft, wie sie es ausgemacht hatten. Suchata war nun einerseits beruhigt. Sie konnte sich jederzeit wieder in der Slumgesell-schaft sehen lassen und man würde ihr auch helfen, wenn sie in Not war. Andererseits war sie von dem Tod der Mutter sehr getroffen, was sogar dazu führte, daß sie fast einen ganzen Monat lang nicht Karten spielte. So gab es keine Störungen im Geschäftsablauf und Suchata hatte immer noch etwas Geld von ihren Gewinnen übrig und erhielt zudem auch das Geld von Herbert, das für sie und für ihre armen Eltern gedacht war.

Das Leben verlief nun völlig problemlos und in relativem Wohlstand. Es hätte auch problemlos weitergehen können, wenn da nicht etwas Wichtiges gefehlt hätte. Das war einmal die Unterhaltung, die da fehlte, denn die Unterhaltung mit dem zwar freundlichen und sympathischen, aber doch über vierzig Jahre älteren Herbert war doch nicht das, was ein junges Mädchen glücklich macht. Es war langweilig und Suchata suchte ein etwas bewegteres Leben. Dann war da auch noch das Spielerglück, das fehlte und dem sie ihrer Meinung nach die vergangenen glücklichen Monate zu verdanken hatte. Suchata beschloß, daß man diese beiden Punkte gut miteinander verbinden konnte und ging wieder einmal zum Kartenspielen.

Aber das Spielerglück war ihr diesmal nicht so gut gesonnen und sie verlor viel Geld. Um die Schulden wieder hereinholen zu können, mußte sie immer größere Einsätze wagen und verlor immer mehr. Nun wurden zunächst Herberts Kunden saumselig und verschoben ihre Zahlungen immer weiter. Als Herbert einmal laut darüber klagte, dauerte es nur noch eine Woche, bis sie wieder alle pünktlich zahlten, was ihm aber nicht auffiel. Suchata hatte nämlich an einen der Spieler, bei dem sie hohe Schulden hatte, heimlich das Haus verkauft, das seinerzeit auf ihren Namen eingetragen worden war. Sie verpfändete die Besitzurkunde.

Aber sie hatte sich ein Rückkaufrecht von zwei Monaten garantieren lassen. Sie saß jetzt nur noch an hoch dotierten Spielertischen, dort würde sie jetzt ganz bestimmt wieder Glück haben, dann könnte sie das Haus wieder zurückkaufen und Herbert würde von der ganzen Angelegenheit gar nichts merken. Sie mußte nur hohe Einsätze wagen, um diese hohe Summe durch große Gewinne aufbringen zu können.

Doch das Spielerglück machte nicht mit. Suchata verlor weiter mit ihren hohen Einsätzen und bald war das Geld, das sie für den Verkauf des Hauses bekommen hatte, verspielt. Sie mußte aber unbedingt das Haus zurückkaufen. So kam es dazu, daß Herberts Kunden nun wieder säumig wurden. Es war gut, daß sein Geschäft angewachsen war, so gab es nun viele Kunden und viele Rückzahlungen. Damit mußte sie ja einmal gewinnen. Und sie gewann auch manchmal etwas, aber nur, um gleich darauf um so mehr zu verlieren, worunter die Rückzahlungen zu leiden hatten..

Als Herberts Kunden schon fast einen Monat im Rückstand waren, entschloß er sich dazu, mit einigen von ihnen zu reden, denn ein Monat Zahlungsrückstand brachte ihm ja einen enormen Zinsverlust. So redete er mit einem nach dem anderen und einer nach dem anderen beteuerte, daß er die Rückzahlungen pünktlich geleistet hatte und legte ihm die Quittung vor. Als er Suchata zur Rede stellte, heulte sie fürchterlich und versprach, sie würde alles zurückzahlen, wenn sie nur bei den nächsten Spielen wieder einmal Glück hätte. Herbert rechnete zusammen, daß ihm über 400.000 Baht fehlten. Er war außer sich und warf Suchata raus. Anzeigen konnte er sie ja nicht, da er keine Lizenz als Geldverleiher hatte.

Während Herbert eine neue Liste anlegte, um herauszufinden, wer ihm nun noch Geld schuldig war und sich überlegte, wie er an ein Mädchen kam, dem er auch vertrauen konnte, klingelte es und drei Herren erschienen. Sie redeten auf ihn ein und zeigten ihm einige Dokumente, die er aber nicht lesen konnte. Die Herren gingen wieder und baten ihn, zwanzig Minuten zu warten. Sie kamen schon nach fünfzehn Minuten mit einem weiteren Mann wieder. Der sollte die Angelegenheit übersetzen. Und dann erfuhr Herbert, daß Suchata das Haus für 500.000,- Baht verpfändet hatte, daß die Frist bereits abgelaufen war. Großzügig gaben sie ihm eine Frist von drei Tagen, um seine Sachen zu packen und auszuziehen.