Sie sind ja so süß, wenn sie betteln

- 5 Seiten - ('Apichai Tamdii' in 'Die Geschichten gehen weiter')

- Ein Bericht über Bettelkinder in den touristischen Orten -

Immer wieder erscheinen in den Nachrichten Berichte über Gruppen von Erwachsenen, die Kinder zum Betteln zwingen. Meist sind es Kinder aus Kambodscha und aus Burma, seltener aus Laos, und die Erwachsenen sind meist Thailänder, die manchmal mit ein oder zwei Kambodschanern zusammenarbeiten. Man ist in Thailand nicht schockiert, noch nicht einmal überrascht über solche Berichte, denn sie sind ein Bild des Alltags. Zudem waren es ja auch nur Kinder und dazu noch arme Kinder aus Kambodscha, also keine Personen, um die man sich Gedanken machen müßte. Außerdem gehen sie einen nichts an und man kann ja doch nichts ändern. Und das ist zutreffend.

Mit dieser allgemein üblichen Meinung kann man wirklich nichts am Schicksal dieser Kinder ändern. Nicht, weil man nicht könnte, sondern weil man gar nicht will. Auch viele Ausländer sind dieser Meinung. Manchen tun diese Kinder allerdings leid und dann geben sie ihnen ein paar kleine Münzen oder sie kaufen aus lauter Mitleid ein Kaugummi, das sie eigentlich gar nicht haben wollen. Sie haben ein gutes Herz, oder vielleicht ein soziales Schuldgefühl. Aber manchmal wäre es besser, sie hätten einen klaren Kopf, um die Folgen ihres Mitleids zu überlegen.

Es ist kein Zufall, daß Bettelkinder dort zu finden sind, wo sich diese Ausländer mit dem guten Herzen aufhalten, nämlich an den Bars, denn das ist ihre Bestimmung, von den guten Herzen gutes Geld einzutreiben. Nun wissen wir zwar, warum die Ausländer mit den guten Herzen an den Bars sitzen. Aber es ist sicher auch gut, zu wissen, warum die Kinder an die Bars kommen und wie es dazu kommt, daß man sie ständig an den Bars findet.

Nehmen wir zum Beispiel den kleinen Norodom, der nach dem König Kambodschas, Norodom Sihanouk, benannt wurde, dessen Leben aber gar nicht königlich ist. Er wurde als viertes Kind einer alteingesessenen, erfolgreichen Bettlerfamilie in Phnom Penh geboren. Die ersten Jahre verbrachte er stets zusammen mit seiner Mutter; sie erhielt viel mehr Geld, wenn sie mit einem Säugling oder einem Kleinkind auf dem Arm bettelte. Als er drei Jahre alt war, brachte er nicht mehr so viel ein, was sein Vater bereits als einen günstigen Zeitpunkt vorausgesehen hatte, um seine Mutter gegen eine andere Frau auszutauschen, die nun ein Kind von ihm bekam und damit viel bessere Einnahmen versprach. Norodom wurde zu der Schar der Kinder abkommandiert, die vor den Kaufhäusern und insbesondere den Supermärkten betteln gehen mußten.

Doch dort brachte er nicht viel ein und kam nicht allzuoft mit erbetteltem Geld in nennenswerter Höhe zu der Bretterhütte an der Straßenecke, die sein Vater sich als Hauptquartier erkoren hatte. Ein Umstand, den sein Vater als erfahrener, professioneller Bettler mit einfachen Mitteln zu ändern wußte, als der Junge vier Jahre alt war. Mit Freude hatte er beobachtet, daß sein Sohn Linkshänder war. So hackte er ihm den rechten Arm ab, womit seinem Sohn sein Leben lang gute Einnahmen als Bettler garantiert waren, wenn er nur lernte, geschickt zu betteln und sich unter Vorzeigen des bald heilenden Armstumpfes als zu bemitleidendes Minenopfer auszugeben.

Der Erfolg gab ihm Recht; sein Sohn brachte nun trotz seiner vier Jahre erheblich bessere Summen in erfreulicher Höhe zu seinem Vater, was allerdings den wachsamen Augen der bösen Konkurrenz von einer anderen Straßenecke nicht verborgen blieb und unverhohlenen Neid erweckte, zumal es diesem Mann an eigenen Kindern und folglich auch an abhackbaren Armen mangelte. Angespornt von den großen Erfolgen des einarmigen Vierjährigen nahm er Kontakt mit einem besonders bedürftigen Thai auf, den es in Phnom Penh herumtrieb, und man schmiedete große Pläne und dachte insbesondere an einen Eroberungsfeldzug.

Dafür ist zwar ein gewisses Kapital erforderlich, aber es ist ein altes Vorurteil, anzunehmen, daß Bettler kein Geld haben. Normalerweise gehören sie zu den wohlhabenderen Schichten, indem sie von einem Mangel an Scham und einem dicken Fell profitieren. Sie haben zumeist nur wenige Gefühle und darunter schon gar nicht jene der Achtung oder der Rücksicht gegenüber anderen Menschen. Meist sind es Menschen, die alles tun, um Geld zu bekommen, und wenn man sich nur zu betteln traut, verdient man meist weitaus besser, als wenn man arbeiten geht. Die Leute, die wirklich arm sind, schämen sich, zu betteln und versuchen, irgendeine Arbeit zu finden. Deshalb haben sie kein Geld. Die Bettler dagegen sammeln ihr Geld auf der Bank. Arbeiten zu gehen, bedeutet für sie einen schmerzlichen Gewinneinbruch.

Der böse Konkurrent heuerte einen guten Freund an, der ein altes Auto besaß und bereit war, ihn und einige weitere Fahrgäste gegen ein besonders gutes Entgelt einschließlich Gefahrenzulage an die thailändische Grenze zu bringen. Dann fuhren sie zu einem großen Supermarkt, wo sie den einarmigen Norodom, ein weiteres besonders erfolgversprechendes Kind und drei sehr arm und mager aussehende Kinder im Alter von etwa sechs oder sieben Jahren einluden. Sie gaben ihnen Süßigkeiten und versprachen ihnen eine Fahrt, bei der sie einen Teil der weiten Welt sehen sollten. Bei dieser Gelegenheit nahmen sie schnell noch ein Kind mit, das vielleicht knapp ein Jahr alt war, in einem Kinderwagen vor dem Supermarkt lag und vom Alter her besonders gute Einnahmen versprach. Als sie mit den Kindern abfuhren, ließen sie über eine längere Strecke noch mehrere Banknoten von fünfhundert Riel aus dem Autofenster flattern, worauf alle Kinder dem Auto hinterher liefen und die Straße leer war.
Immerhin konnte man für fünfhundert Riel ein Ei kaufen und wurde von den Eltern belohnt. Die Kinder würden über den flatternden Banknoten die mitgenommenen Kinder vergessen und waren als Zeugen ohnehin nicht gut brauchbar.

Sie kamen bis dicht an die thailändische Grenze, die sich über Hunderte von Kilometern hinzieht und praktisch unkontrollierbar ist. Zu Fuß gelangten sie nach Thailand, wo bereits der thailändische Geschäftsfreund mit einem Auto auf sie wartete. Von hier aus begannen sie nun ihren Eroberungsfeldzug durch die touristischen Orte Thailands direkt in Pattaya, wo bereits weitere Mitarbeiter auf sie warteten. Die Kinder wurden nun aufgeteilt. Es waren zweimal zwei Kinder, die mit je einem Bewacher mitgingen, Norodom ging mit einem weiteren Bewacher und der Säugling wurde von einer Frau übernommen. Die Barbezirke wurden aufgeteilt, so daß die Kinder je zweimal durch die Bars gingen. Die Kinder begannen gleichzeitig im Süden, im Zentrum und im Norden und würden später die Bezirke wechseln.

Die Bewacher fuhren die Kinder mit Motorrädern zu den Bars und erklärten ihnen, wie sie zu gehen hatten. Sie selbst blieben unsichtbar in der Nähe und beobachteten die Kinder, damit sie nicht wegliefen und nicht bummelten. Es war Zwischensaison und die Kinder hatten mit Ausländern an den Bars noch keine Erfahrungen, deswegen waren die Forderungen ihrer Bewacher noch gering. Jedes Kind mußte bis Mitternacht mindestens dreihundert Baht einbringen, um etwas zu essen zu bekommen und nicht geschlagen zu werden. Kurz nach Mitternacht wurden sie zu einer am Rande der Stadt gelegenen Hütte gebracht, in der sie auf dem Boden schlafen durften. Sie erhielten einen Teller Reis mit Gemüse. Es war zu wenig, aber das war so beabsichtigt, denn sie mußten dünn, schwach und unterernährt aussehen, um Mitleid zu erwecken. Gut ernährte Kinder verdienen beim Betteln nicht viel.

Nach dem Essen durften sie sich hinlegen und sie durften den Raum bis zum Arbeitsanfang am nächsten Abend nicht verlassen. Es war nicht gut, wenn man die Kinder am Tag sah und man mußte auch aufpassen, daß sie nicht wegliefen. Es war nicht etwa so, daß sie Angst vor Problemen mit der Polizei haben mußten, denn die Kinder konnten hier mit niemand sprechen und ihnen war die Angst vor Polizisten anerzogen worden, zudem durften sie eine Anzeige nur mit Einwilligung der Eltern oder eines Vormundes erstatten, eine Rechtspraxis, die der Polizei und der Staatsanwaltschaft Arbeit sparen sollte. Wenn aber Kinder verschwunden waren, mußte man sich um eine andere Unterkunft und um andere Kinder bemühen, was umständlich war und oft einen erheblichen Verdienstausfall bedeutete.

Nachdem die Kinder tagsüber keine Beschäftigung hatten, den Raum nicht verlassen durften und geschlagen wurden, wenn sie laut wurden oder etwa herumtollen sollten, waren sie gegen achtzehn Uhr genug ‘ausgeruht’, um nach einem Teller Reis mit etwas Gemüse wieder mit ihrer Arbeit zu beginnen. Diesmal mußte jedes Kind mindestens vierhundert Baht einbringen, denn sie kannten ja jetzt die Arbeit und die Strecken, die sie abzulaufen hatten und sie wußten, wie sie sich gegenüber Ausländern zu verhalten hatten. Nur zwei oder drei Tage später würde das Pensum auf fünfhundert Baht pro Tag erhöht.

Nach zwei Wochen mit sich steigernden Einnahmen verließen sie Pattaya und würden sich jetzt drei Wochen in Bangkok aufhalten, um dort in den Vierteln der Bars und Vergnügungsbetriebe Geld zu verdienen. Auch hier wurden die Kinder wieder in einem Raum versteckt, in dem sie nicht laut sein und nicht spielen durften, denn sie sollten ihre Arbeit als Freude und angenehme Abwechslung erleben. Es ist selbstverständlich, daß diese Kinder nicht in eine Schule geschickt wurden, denn ihr einziger Bestimmungszweck bestand darin, ihren Bewachern Geld zu bringen. Wenn sie größer wurden, konnte man sie ohnehin nicht mehr zum Betteln schicken und dann war es für ihre Aufpasser auch unwichtig, ob sie zur Schule gegangen waren.

Doch schon nach einer Woche in Bangkok gerieten sie in eine Razzia und die Hälfte der Gruppe wurde gefaßt, darunter auch der kleine Norodom. Die Bewacher wurden wegen Bettelns und wegen Beschäftigung Minderjähriger und illegaler Ausländer vor Gericht gestellt, denn man konnte ihnen keinen Menschenraub nachweisen.

Die Kinder wurden nach Kambodscha zurückgeschickt, wo die Polizei die Aufgabe hat, die liebenden Eltern zu finden, um ihnen ihre kostbaren Kinder wieder zurückzubringen. Allerdings ist der kambod-schanischen Polizei bekannt, daß man Kinder auch einfach in Heime bringen kann, wenn man die Eltern trotz vielfältiger und aufreibender Bemühungen zufälligerweise nicht finden sollte oder die Kinder etwa nicht identifiziert werden konnten. Viele Kinder waren jahrelang unterwegs und konnten sich an ihre Eltern gar nicht mehr erinnern.

Möglicherweise habe ich mich nicht ganz klar ausgedrückt. Ich habe gesagt, der Bestimmungszweck dieser Kinder besteht darin, ihren Bewachern Geld zu bringen. Es läßt sich auch anders sagen: Sie werden geraubt, mißhandelt und geschlagen, weil mitleidige Menschen ihnen Geld geben. Denn nur dadurch haben sie einen Wert für ihre Entführer. Wenn sie kein Geld einbringen, sind sie für die Entführer völlig wertlos und sie würden überhaupt keinen Sinn darin sehen, sich mit Kindern zu beschäftigen.

Wer den Bettelkindern also aus lauter Mitleid Geld gibt, der verursacht damit, daß Kinder entführt und mißhandelt werden, daß sie hungern müssen, nicht spielen dürfen, ihre Eltern nie wiedersehen, nie in eine Schule kommen und ihr Leben wahrscheinlich als ungelernte Arbeiter, Analphabeten und illegale Ausländer fristen müssen.

Wenn jemand dennoch Mitleid mit den Kindern hat, dann sollte er ihnen etwas zu essen kaufen, Obst oder ein Fleischspießchen, einen Teller Reis oder eine Nudelsuppe. Solange die Kinder an einer Bar sind, werden die Wächter sich nicht trauen, sie zu schlagen oder ihnen das Essen zu verbieten, denn sie wissen genau, daß den Barmädchen und den Inhabern der Bars bekannt ist, daß sie nicht etwa bedürftige Eltern, sondern die Entführer sind, die die Kinder mißhandeln, um bequem leben zu können. Solange es aber noch Leute gibt, die diesen Kindern Geld geben, werden sie weiter hungern, mißhandelt und zum Betteln gezwungen.