Paul leidet an Gutmütigkeit

- Vier Seiten - von ‘ Victor Schluff’ - in ‘Treffpunkt Pattaya’ -

Manche Touristen kommen zwar auf der Suche nach schönen Frauen und Sex nach Thailand, aber sie entwickeln gleichzeitig soziale Schuldgefühle. Sie entdecken dann, dass die Thai ja so arm sind und übersehen, dass Pattaya ein Geschäft ist und dass Hilfe nur dann sinnvoll ist, wenn eine eine Möglichkeit der Selbsthilfe bietet. Sie übersehen auch die Grenze, an der die Gutmütigkeit einer wehrlosen Hilflosigkeit weicht. -

Gutmütigkeit hat, wenn sie nicht als solche verstanden und anerkannt wird, eine große Ähnlichkeit mit Dummheit. Das zumindest durfte Paul erfahren, der anerkannt gutmütig ist, in Deutschland auf dem Bau arbeitet und jüngst schon das dritte Mal nach Thailand auf Urlaub fuhr.

Paul hat eine große Schwäche für das ,schwache Geschlecht‘. Er war in Deutschland schon zweimal verheiratet gewesen und hat immer versucht, für seine Frauen alles zu tun und ihnen alles zu geben, was er konnte. Seine ehemaligen Frauen haben heute jede ein hübsches kleines Häuschen, während Paul in einer kleinen, billigen Mietwohnung lebt. Seine Frauen hatten einen grossen, starken Mann gesucht, der ihnen sagt, was sie zu tun haben. Da Paul das nicht tat, haben sie bald begonnen, ihm zu sagen, was er zu tun hat.

Es war so, wie man angeblich in den USA die ,ideale Ehe‘ sieht: Er bestimmt über alle wichtigen Dinge des Lebens und die Frau nimmt die häuslichen Kleinigkeiten des Alltags in die Hand; er bestimmt, wer Präsident wird, welche Partei die Regierung bildet, wo der nächste Krieg stattfindet und ob die Gewerkschaft bei den Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern ein Übereinkommen erzielt, und sie bestimmt, wo er arbeitet, wann er Nachhause kommt und wofür sie sein Geld ausgibt.

Wenn so ein System erst einmal eingeführt ist, wird es bald als sehr praktisch angesehen und im Rahmen eines oft einseitigen Machtkampfes erweitert. Dann bestimmt sie auch, was er anzieht, mit wem er spricht und was er isst. In diesem Punkt jedoch ist Paul empfindlich, denn er hat nicht nur ein Gemüt wie eine Weihnachtsgans, sondern auch eine solche Figur. In dem ständigen Streit, der darüber entbrannte, was er alles nicht essen darf und nicht trinken darf, und in der ständig miesen Stimmung suchte Paul bald seinen Trost bei anderen Vertreterinnen des ,schwachen Geschlechts‘. So dauerte es denn nicht lange, bis seine Frauen die Scheidung einreichten und Paul mit seiner Gutmütigkeit wieder alleine lebte.

Da er nicht schon wieder ein neues Haus für die nächste Frau bauen wollte, suchte er bald seinen Trost in Thailand, wo er sich im Urlaub voll ausleben konnte. Die ersten Male hatte es ihm ausgezeichnet gefallen, er hatte einige problemlose und sehr hübsche Mädchen kennengelernt. Bei diesen Reisen war er finanziell noch etwas knapp gewesen, doch diesmal hatte er sich gut eingedeckt und wollte seine Freiheit genießen.

Am Nachmittag kam er mit dem Taxi vom Flughafen in seinem Hotel an, wo er nicht nur mit dem Fahrpreis, sondern mit einer Forderung von zweihundert Baht Trinkgeld zur Kasse gebeten wurde. Dem Liftboy gab er für das Schleppen seiner Koffer weil er gerade kein kleineres Geld in der Tasche hatte und auch nicht genau wusste, wieviel das ist, 100 Baht Trinkgeld. Er duschte sich, ruhte sich etwas aus und ging nach einer guten Mahlzeit mit einem guten Trinkgeld am frühen Abend auf die Suche nach Toy. Mit der hatte er nämlich zu voller Zufriedenheit seinen letzten Urlaub verbracht und er hatte ihr außerdem bei seiner Abreise auch versprochen, dass er wiederkommt, sie in ihrer Bar sucht und dann wieder mit ihr geht.

Toy hatte in einer Bar in der Soi 8 gleich in der Nähe der Second Road gearbeitet. Nun fand Paul zwar ziemlich leicht die Soi 8, aber keine der ihm bekannten Bars. Dort wurde nämlich inzwischen ein Hotel gebaut. Und so war auch Toy nicht zu finden, obwohl er auch den unteren Teil der Soi 8 nach ihr absuchte. Paul empfand das nicht weiter als tragisch, denn es gab ja genügend Mädchen, die hier herumliefen und reges Interesse an ihm zeigten. Man musste sich nur umsehen. Er war vom Flug und der Klimaumstellung leicht ermüdet und von den ersten drei Bars leicht angeheitert, als er sich in der vierten Bar nach Toy umsah.

Dort erblickte er auch auf Anhieb ein Mädchen, das ihm zusagte. Als er einem Mädchen sagen wollte, dass es seine Auserwählte rufen sollte, fand er erst einmal kein Ohr, sondern die Mitteilung, dass alle Mädchen schrecklichen Durst hatten und er sollte doch erst einmal die Glocke läuten. Paul fragte, was die Mädchen denn trinken und erhielt die Auskunft, sie möchten alle nur einen kleinen Orangensaft. Paul schaute verstohlen auf die Preisliste und meinte, die 25 Baht mal etwa zehn Mädchen würden ihm nicht wehtun.

Dass die halben Gläser Orangensaft später als Ladydrinks zum Preis von je 90 Baht auf der Rechnung standen und dass er etwa 12 Mädchen übersehen hatte, die vor der Bar an Tischen saßen, bemerkte er erst später, als er die Rechnung erhielt. Aber dann wollte er nichts mehr sagen und gab sogar noch über 200 Baht Trinkgeld. Als die Auserwählte schließlich bei ihm ankam, wurde man sich schnell einig. Allerdings lag sie ihm die ganze Zeit in den Ohren, er sollte doch ihre neue Freundin auch mitnehmen, die käme gerade vom Lande und hätte nichts zu essen. Um seine Ruhe zu haben, nahm er also auch die Freundin mit und meinte, irgendwie würde man schon klarkommen. Die Freundin könnte ja sicher eine Stunde spazierengehen, nachdem sie schon das Geld verdient hatte.

Das stellte sich zwei Stunden später als Irrtum heraus. Die Freundin meinte, sie sei müde, aber sie könnten ja beide an ihm ihren Dienst tun, dann brauchte sie nicht wegzugehen, weil sie so müde war und außerdem ginge es dann vielleicht auch schneller, dann konnten sie alle bald schlafen. Das war Paul denn doch zu ungewohnt und zu peinlich und er kam zum Schluss, dass er ohnehin zu müde sei und seine Ruhe haben wollte, legte sich ins Bett und schlief. Morgen war ja auch noch ein Tag.

Am nächsten Morgen nahm er beide Mädchen zu einem Frühstück außerhalb des Hotels mit und gab ihnen ihr Geld. Schließlich vereinbarte er nach langem Palaver, dass er an diesem Abend zwar wieder zur Bar kommen wird, dann aber nur seine Auserwählte mitnimmt und nicht etwa auch noch ihre Freundin. Weil die doch so arm war, gab er ihr allerdings noch einmal 500 Baht, um seiner Ruhe sicher zu sein. Als er ins Hotel zurückkam hatte er erst einmal Probleme mit dem Liftboy, der 100 Baht Trinkgeld haben wollte, weil er die ja gestern auch bekommen hatte und somit ein Anrecht darauf hatte, nun jedesmal 100 Baht zu bekommen.

Am Abend holte er sein Mädchen schon vor acht Uhr von der Bar ab, um diesen Abend zu genießen, nachdem er schon den vergangenen Abend keinerlei Freuden genießen konnte. Nach einem kurzen Palaver, warum er heute keine 200 Baht Trinkgeld gab, wo er die doch gestern gegeben hatte, verließen sie die Bar. Allerdings wollte seine Diätsüße erst noch essen gehen. Paul hatte zwar schon gegessen, aber eine Kleinigkeit würde er schon noch vertragen.

Er wunderte sich bald, wieviel ein kleines, schlankes Mädchen in sich hineinstopfen kann, aber er meinte, wenn sie sonst schon nichts hat, soll sie wenigstens einmal vernünftig essen, was sie denn auch bis kurz vor zehn Uhr tat. Als sie endlich im Hotel ankamen, erlebte Paul eine große Überraschung. Toy saß vor seiner Zimmertür und machte ein Riesenspektakel, weil er doch versprochen hatte, dass er in diesem Urlaub nur mit ihr geht, nun aber ein anderes Mädchen dabei hat.

Das Spektakel und der Streit, den sie dann schließlich alle drei miteinander hatten, dauerte gut drei Stunden. Er endete damit, dass Paul seinem neuen Mädchen 1.000 Baht als Entschädigung gab (denn er hätte sie ja auch an den nächsten Tagen mitgenommen), weil er seine Ruhe haben wollte. Toy meinte, dass er für sie jetzt noch die Auslösung bezahlen muss, nein, nicht morgen, sondern jetzt, und zwar für die ganze Woche, jawohl. Paul bezahlte also die 1.400,- Baht, weil er seine Ruhe haben wollte. Dann nahm Toy das Geld, stand auf und sagte, dass sie sofort wiederkommt. Paul nahm an, dass sie die Auslöse in die Bar bringen will, was ja nicht lange dauern konnte. Und dann hatte er seine Ruhe. Das erkannte er besonders deutlich, als er quer über dem Bett liegend gegen vier Uhr morgens wach wurde und bemerkte, dass Toy nicht zurückgekommen war.

Da er jetzt ohnehin wach und zudem alleine war, stand er auf, trank an einer anderen Bar noch einige Biere, nahm eine hübsche Frau mit, da Toy ja nicht mehr erschienen war und schlief am nächsten Tag lange und ruhig. Und zwar bis die Lady, die er am ersten Tag auserwählt hatte, bei ihm erschien, um nachzusehen, ob er noch immer mit Toy zusammen war, oder ob er vielleicht jetzt schon für die Gesellschaft mit ihr frei war. Sie erhob ein fürchterliches Geschrei, weil er nicht mit Toy zusammen war und statt zuerst nach ihr zu fragen, eine neue Lady genommen hatte. Paul beruhigte sie mit einer Entschädigung, weil er seine Ruhe haben wollte.

Nach dem Abendessen ging er an eine Bar, die er noch nicht kannte. Bevor er aber ein Mädchen mitnahm, ging er gegen neun Uhr erst einmal nachschauen, ob Toy vielleicht wiedergekommen ist. Als er die Lifttür in seinem Stock öffnete, erlebte er die nächste Überraschung. Toy saß vor seiner Zimmertür in angeregter Unterhaltung mit ,O‘, jener Dame, der er im ersten Urlaub versprochen hatte, dass er bald wiederkommt, nur noch mit ihr geht und dass er sie dann später nach Deutschland mitnehmen wird. Voller böser Ahnungen ging Paul rückwärts in den Aufzug zurück und an eine etwas versteckt liegende Bar, wo er keine Glocke läutete, keinen Ladydrink bestellte, kein Mädchen mitnahm und kein Trinkgeld gab. Er mietete sich für drei Tage in ein fremdes Hotel ein und gab dem Liftboy kein Trinkgeld. Er ging an die Hausbar und bestellte keinen Ladydrink. Er wollte nämlich seine Ruhe haben.