Addi leistet aus Versehen Entwicklungshilfe

- 4 Seiten - ('Victor Schluff' in 'Treffpunkt Pattaya)

- Ein überkandidelter Farang sucht eine Frau zum Mitnehmen - eine nicht sehr tragische Kömödie -

Daß man in Thailand jede Frau einfach von der Straße mitnehmen kann und Ausländer sehr gefragt sind, ist zwar in Thailand noch nicht bekannt, aber in Europa hat es sich bereits herumgesprochen. Selbst Arthur (sprich Addi), der sich weder für Politik noch Weltgeschehen interessiert und konsequenterweise auch keine Zeitung liest, weiß das schon, denn das ist schließlich eines der bevorzugten Gesprächsthemen ,unter Männern‘. Zu Addis großem Leidwesen sind es vorwiegend Gespräche mit Männern, die er an einer Theke führt, denn die wenigen Frauen, die er kennenlernte, hatten schon nach wenigen Stunden seiner Gegenwart recht wenig Interesse an einer Verlängerung ihrer Audienz.

Das liegt nach Addis Meinung allerdings nur daran, daß sie hoffnungslos veraltet sind, nach längst veralteten Gesellschaftsklischees leben, zu viele Ansprüche haben und vor allen Dingen viel zu dumm sind. Das merkt man schon daran, daß sie Addi, einem feurigen Prediger einer modernen Welt, nur unwillig zuhören, ihn fortlaufend unterbrechen und, wie man daran schon erkennen kann, ihm also geistig nicht folgen können, weshalb sie denn auch oft genug einfach aufgestanden und gegangen sind. Weil seine geistigen Ansprüche zu hoch waren und sie von ihm nichts lernen wollten.

Statt sich stillschweigend überzeugen zu lassen, suchen sie dann lieber eine andere Umgebung, in der Addi nicht gerade damit beschäftigt ist, sich selbst zu überzeugen. Dabei müßten sie doch eigentlich auf ihn fliegen, der sich als Messias eines neuen Lebens betrachtet und dem man die Modernität schon von Weitem ansieht. Seine langgelockte dunkle Haarpracht wird von einem blond gefärbten Zöpfchen betont, dessen Ende eine rosa Schleife ziert, passend zu den rosa getönten Gläsern einer Schmetterlingsbrille und seiner bevorzugten Hemdenfarbe, die einen bemerkenswerten Kontrast zu einer giftgrünen Nylonjacke, gelben Hosen und weißblau gestreiften moonbootähnlichen Sportschuhen bietet.

"Die moderne Welt ist bunt", war sein letzter Werbespruch für eine Plastikfirma gewesen und er hatte als Werbetexter gut daran verdient. Um dieser Erfolg zu feiern, fuhr er nun nach dem Ankauf geeigneter Tropenkleidung nach Thailand, um nach Möglichkeit mit einer modernen Frau, die einen Retter sucht, wieder nach Deutschland zu gehen. Er hatte auch schon ganz klare Vorstellungen, wie diese moderne Frau auszusehen hat.

Die meisten Frauen seien in Pattaya zu finden, hatte er gehört, dennoch brauchte er vier Tage, an denen er an den Bars vorbeistrich, um die moderne Frau zu finden. Das bedeutet nicht, daß er die günstige Gelegenheit seines Aufenthaltes in Pattaya nicht wahrgenommen hätte, auch andere Frauen kennenzulernen. Schließlich sollte man ihm nicht Einseitigkeit vorwerfen können. Doch er fühlte sich in seiner Meinung über die Frauen nur bestätigt. Alle wollten nur Sex und Geld. Keine wollte mit ihm einfach nur so mitgehen, wegen der guten Freundschaft und des gemeinsamen Vergnügens. Auch hier zählte scheinbar nur, was er zu bieten hat, obwohl doch bekannt war, daß die Frauen hier wie wild darauf aus sind, einen Ausländer mitzukriegen und wenn irgend möglich heiraten zu können. Vielleicht lag es daran, daß er noch nicht hatte durchblicken lassen, daß er eventuell bei der richtigen Frau mit der richtigen Einstellung auch bereit wäre, diese Frau zu heiraten und nach Deutschland mitzunehmen.

Noch nicht einmal für dreihundert Baht wollten sie mit ihm aus Freundschaft mitgehen. Aber für fünfhundert Baht wollten sie gleich ins Bett. Und sie verstanden ihn nicht, obwohl er doch ein ganz gutes Schul-Englisch gelernt hatte. Die meisten schauten ihn einfach nur an und sagten überhaupt nichts und manche lachten sogar. Aber nach vier Tagen hatte er die Richtige gefunden. Sie war ihm sofort aufgefallen. Groß und schlank stand sie hinter einer Bar-Theke, hatte ein seidenes Tuch in den langen schwarzen Haaren, einen Ring in der Nase, und sie trug einen langen Wickelrock unter einer prallen, knappen Bluse mit sehr tiefem Ausschnitt. Und auch er schien ihr sympathisch zu sein, denn als er bei ihr seinen Vodka mit Zitrone bestellt hatte, setzte sie sich gleich zu ihm.

Sie schaute ihn auch nicht nur an, sondern hörte richtig zu und sie sprach auch mit ihm, genauer gesagt, sie antwortete, wenn er sie etwas fragte, und zwischendurch nickte sie mit dem Kopf. Das war die erste Frau, die ihn verstand. Und sie war auch nicht so, wie die anderen. Sie wollte nicht mit ihm mitgehen, selbst als er die Auslöse bezahlen und ihr fünfhundert Baht geben wollte, machte sie Ausflüchte. Sie sagte, daß sie nur Getränke servieren und nicht mit Männern mitgehen wollte. Aber er wußte es im Grunde besser. Alles hat seinen Preis, und bei zweitausend Baht ging sie schließlich mit. Wegen ihrer indischen Aufmachung nannte er sie einfach Indra, denn mit den seltsamen thailändischen Namen würde er sowieso nicht zurechtkommen.

Im Hotel bot sie ihm alles, was er sich im Leben nicht einmal erträumt hatte. Sie war ansonsten sehr ruhig, sprach nur sehr wenig, las ihm aber alle Wünsche von den Augen ab. Am nächsten Tag blieb sie den ganzen Tag bei ihm, war eine aufmerksame Dienerin und hörte ihm den ganzen Tag zu. Natürlich ging er mit ihr in ein besseres Restaurant, wo sie sich auch gut zu benehmen wußte und ihm die ganze Zeit zuhörte, ohne ihn zu unterbrechen. Er wußte schon, daß sie eine sehr gute Schülerin sein würde. Er erklärte ihr, daß die moderne Frau sich selbst ernährt und im Notfall sogar für ihren Mann einsteht, was sie nicht nur verstand, sondern auch bestätigte. Die moderne Frau habe ihren Platz nicht nur am Küchenherd und beim Kaffeeklatsch, sagte er, sondern in der Industrie. Sie müsse sich mit Technik und Elektronik auskennen und auch mit einem Computer umgehen können, das sei einfach eine Erfordernis der Zeit. Die moderne Frau müsse auch selbständig Entscheidungen treffen können. Auch hier gab sie ihm Recht und fügte sogar einige Argumente zu seiner Unterstützung an.

Addi entschloss sich, daß Indra die geeignete Frau für ihn ist. Sie war gehorsam und zeigte sich lernfähig, mit ihr konnte er überall auftreten und sie würde sein Ansehen sicherlich mehren. Zudem war sie als Frau im persönlichen Umgang äußerst angenehm, indem sie in jeder Beziehung für seine Bequemlichkeit sorgte. Und nicht zuletzt tat er auch noch ein gutes Werk, wenn er sie aus ihrem armseligen Barleben erlöste und ihr garantieren konnte, daß sie bei ihm immer einen Teller Reis zu essen hat.

Am Abend sagte er ihr, daß er sie nach Deutschland mitnehmen und heiraten wird. Er sah ihr an, daß sie vor Freude ganz stumm und völlig überwältigt war und gar nicht antworten konnte. Am Abend des nächsten Tages sagte sie, daß sie wegen eines Visas nach Bangkok fahren muß. Richtig, daran hatte er gar nicht gedacht. Er hatte aber schon an einer Bar gehört, daß das so um die achttausend Baht kosten soll. Sicher würde sie noch andere Ausgaben haben, natürlich, da waren ja auch noch die Kosten für den Flug. Wenn sie nur ein normales Visum bekam, mußte sie auf der Botschaft ein Flugticket für Hin- und Rückreise vorlegen können, das würde etwa so um die zwanzigtausend Baht kosten. Sicher hätte sie auch noch andere Ausgaben, vielleicht Kleidung, denn mit ihren dünnen Sachen könnte sie ja jetzt im Winter nicht nach Deutschland kommen.

Er fragte, ob sie noch weitere Ausgaben habe, denn sie schien selbständig genug, daß sie sich da schon eigene Gedanken gemacht haben sollte. Sie erwähnte, daß sie ihren Eltern zwanzigtausend Baht schicken muß. Daran hatte er nicht gedacht, aber er hatte schon gehört, daß es in Thailand üblich sei, die Braut von den Eltern zu kaufen. Immerhin waren zwanzigtausend Baht – so um die fünfhundert Euro – kein hoher Preis für eine Frau wie diese. Er gab ihr zweitausend Euro und sagte, sie solle sich die Kurse der einzelnen Banken ansehen und bei der günstigsten Bank wechseln.

Der nächste Tag ohne sie war trostlos und er freute sich schon auf die gemeinsame Zeit in Deutschland. Als sie abends nicht zurück war und auch am nächsten Tag nicht kam, meinte er, daß sie vielleicht in Bangkok geblieben war, weil sie wegen des Visas noch einmal am nächsten Tag zur Botschaft mußte, die ja nachmittags geschlossen hat. Nach drei Tagen wurde er allerdings etwas unruhig und ging zu der Bar, wo er sie ausgelöst hatte. Dort war man sehr erstaunt und fragte, ob er denn nicht weiß, daß sie nach Indien zurückgeflogen ist. Dort ist sie mit einem Thai verheiratet, der eine Firma mit Maschinen und Ersatzteilen für die Textilindustrie hat. Man betonte in der Bar, daß sie ihn sehr gelobt habe, weil er ihr viel Geld für ihre Eltern und für ihren Rückflug nach Indien geschenkt hat.

Addi ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Gegen Indra – nein, das war nicht ihr richtiger Name, aber die in der Bar würden den Namen vielleicht wissen. Wegen insgesamt achtzigtausend Baht. Nein, die habe sie nicht gestohlen, er habe sie ihr gegeben, weil er sie heiraten wollte. "Hat sie das gesagt, gibt es dafür irgendwelche Unterlagen oder Zeugen?", wollten die Polizisten wissen. "Nein, aber sie hat das Geld genommen." Dann fragten die Polizisten: "Wie lange haben Sie sie gekannt?" und dann lachten sie wieder und sagten, daß es in Thailand nicht verboten ist, Geschenke anzunehmen. Und ein Polizist mit einem ganz besonders breiten thailändischen Lächeln sagte, er brauche auch gerade achtzigtausend Baht und fragte Addi, ob er ihn nicht auch heiraten wollte.

Nach reiflicher Überlegung kam Addi zum Schluß, daß es im Wiederholungsfalle doch besser sei, sicherzustellen, daß die Frau, die er mitnehmen will, ihn auch wirklich heiraten und nach Deutschland gehen will, und daß er die Erledigungen dann mit ihr gemeinsam durchführt, aber ansonsten hatte er noch nichts dazugelernt.